23.07.2013 - Aktuelles aus den Centren

IV. Berliner Dialog in der Marokkanischen Botschaft

Berliner Dialog IV 1

Am 2. Juli 2013 fand der von Professor Jalid Sehouli, Direktor der Klinik für Gynäkologie/ Charité/ Campus Virchow-Klinikum IV. Berliner Dialog in Kooperation mit der Marokkanischen Botschaft und dem Deutsch-Marokkanischen Kompetenznetzwerk statt.

Anlass dafür war die Unterzeichnung des Gastarbeiteranwerbevertrags zwischen Deutschland und Marokko vor 50 Jahren.

Der Berliner Dialog ist als eine gemeinsame Initiative zu verstehen, die verschiedene Völker und Gastländer in Berlin näherbringen soll. Diese Einladung erfolgte mit großer Unterstützung des Marokkanischen Botschafters, S.E. Herr O. Zniber.

Nach einer kurzen Einführung durch den Botschafter von Marokko, S.E. Herr Zniber, eröffnete Herr Prof. Sehouli den Berliner Dialog und begrüßte Herrn Prof. Bührer als ersten Referenten zu seinem medizinischen Vortrag Versorgung von Frühgeborenen – eine Grenzwanderung

Berliner Dialog IV 3

Herr Prof. Dr. Christoph Bührer, Direktor der Klinik für Neonatologie der Charité führte mit seinem faszinierenden Vortrag „Versorgung von Frühgeborenen – eine Grenzwanderung“ in die besondere Situation von Frühchen ein.

Von einer Frühgeburt spricht man bei der Geburt eines Säuglings vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche. Prof. Dr. C. Bührer präsentierte sehr eindrucksvoll aus seiner täglichen Arbeit in der Charité und an Hand von Studien den Verlauf von Frühgeborenen von der Geburt an bis ins Erwachsenenalter. Die Charité ist auch auf die Versorgung sehr frühgeborener Neugeborenen ab der 24. Schwangerschaftswoche spezialisiert. Er stellte ihre Lebenschancen und Risiken dar, die durch systematische Nachsorgeuntersuchungen ausgewertet werden. Dafür sind standardisierte Testverfahren wichtig, wie sie etwa Ruth Griffiths oder Nancy Bayley für die ersten Lebensjahre entwickelt wurden. Am aussagekräftigsten sind Studien, die sich nicht nur auf ein spezielles Krankenhaus beziehen, sondern auf ganze Regionen oder Länder, wie etwa die EPICure-Studie aus Großbritannien und Irland (Jahrgang 1995) oder die EXPRESS-Studie aus Schweden (Jahrgänge 2004-2007).

Außer den formalen Tests spielen auch die spätere Einschätzungen von Lehrern und Eltern in Bezug auf das Verhalten und die persönliche Entwicklung ehemaliger Frühchen eine grosse Rolle. Welche Probleme kamen auf bis zum 18. Lebensjahr? Wie war ihr beruflicher Werdegang? Untersuchungen, wie es den Müttern von Frühgeborenen im Verhältnis von Müttern normaler Reifgeborenen in ihren Beziehungen und dem privaten Umfeld sind zudem von entscheidender Bedeutung. Der Vortrag war eine sehr eindrucksvolle Schilderung einer Grenzwanderung in der Medizin, wobei er sehr eindrucksvoll zeigen konnte, dass hochtechnisierte Medizin und Menschlichkeit kein Widerspruch ist sondern unabdingbar zusammengehören.

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Herrn Dr. Rahim Hajji vom Deutsch-Marokkanischen Kompetenznetzwerk (DMK) e.V. gelang es dann eindrucksvoll einen Bogen in die Geschichte der marokkanischen Migranten zu schlagen.  Er referierte spannend und sehr umfassend zur Geschichte der marokkanischen Migration nach Deutschland und bilanzierte den Integrationsstand der Marokkanisch-Stämmigen in Deutschland. 

Marokkanische Gastarbeiter werden für den Bergbau angeworben:

Er verwies darauf, dass die Marokkanisch-Stämmigen nach dem zweiten Weltkrieg für den Bergbau angeworben worden sind. Dafür unterzeichnete die deutsche und marokkanische Regierung 1963 den Anwerbevertrag. Die guten diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Marokko und der wachsende Arbeitskräftebedarf des Ruhrgebiets führten zum Abschluss der Vereinbarung. In der Folge immigrierten insbesondere Marokkaner aus dem Rifgebirge, wo viele marokkanische Zechen existierten nach Deutschland. Erst 1966 wurde der Anwerbevertrag für andere Wirtschaftsbereiche Deutschlands erweitert.  

Die sozioökonomische Lage hat sich nach 50 Jahren kaum verbessert!

Die Geschichte der marokkanischen Migration lehrt uns, so referierte Dr. Rahim Hajji, dass mit der Anwerbung von schulisch gering Qualifizierten eine gesellschaftliche Eingliederung in die Unter- und untere Mittelschicht Deutschlands erfolgte. Selbst nach 50 Jahren ist dies an dem dreimal höheren Armutsrisiko der Marokkanisch-Stämmigen im Vergleich zu den Deutschen erkennbar. Hierin zeigt sich, dass das selektive schulische und berufliche Ausbildungssystem Deutschlands bildungsfernen Familien nicht die gleichen Chancen auf schulischen und beruflichen Erfolg einräumt wie bildungsbürgerlichen Familien. Mit der Konsequenz, dass bildungsferne Familien kaum Chancen auf sozialen Aufstieg haben.

Chancengleichheit im schulischen Bildungssystem ist der Schlüssel für eine gerechte Gesellschaft

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„Die Geschichte der marokkanischen Migration lehrt uns“, so Dr. Rahim Hajji, „dass eine gerechte Gesellschaft sich daran bemisst, ob für alle Kinder und Jugendlichen unabhängig von Herkunft, Bildungsstand und Einkommen der Ursprungsfamilie die gleichen Chancen auf Erfolg in Schule und Arbeitsmarkt bestehen. Deutschlands schulisches Bildungssystem weist hierzu noch ein großes Entwicklungspotential auf“. Auf der zentralen Feier am 21. Mai das 50. Jubiläum des Anwerbeabkommens zwischen dem Königreich Marokko und der Bundesrepublik Deutschland am 25 und 26. Juni 2013 in den Räumen der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (giz), die unter der Schirmherrschaft des Königs von Marokkos Mohammed VI mit grossem Erfolg durchgeführt wurde, erhielt Professor Dr. J. Sehouli als Vertreter seiner verstorbenen Mutter Zohra Sehouli eine Urkunde und eine Skulptur für besondere Verdienste um die marokkanische Migration in Deutschland. Seine Eltern kamen bereits 1961 nach Deutschland. 

UNTER DER SCHIRMHERRSCHAFT SEINER MAJESTÄT DER KÖNIG MOHAMMED VI

Nach diesem sehr intensiven Exkurs in die marokkanische Migration rundete der Frauenarzt und Krebsspezialist Herr  Prof. Dr.J. Sehouli, mit seinem Beitrag zum Thema “Auswirkungen des Lebensstils auf Krebserkrankungen“ die interkulturelle und interdisziplinäre Reise von Marokko nach Berlin ab. Hierbei ging er auf die verschiedenen Aspekte der Ernährung, Bewegung, Stressfaktoren und den schädlichen Auswirkungen von Nikotin und Alkohol bei der Vorsorge von Krebserkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein.

Der IV.Berliner Dialog war erneut ein grosser Erfolg, der interessanten Gesprächen bei  marokkanischen Köstlichkeiten ausklang/ bs

Kontakt:

Prof. Dr. med. Jalid Sehouli

Prof. Dr. med. Jalid Sehouli

Direktor der Klinik Standorte CVK (Wedding) und CBF (Steglitz)

CharitéUniversitätsmedizin Berlin

CharitéCentrum Frauen-, Kinder- & Jugendmedizin mit Perinatalzentrum & Humangenetik CC 17

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f: +49 30 450 564 900

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