19.08.2014 - Aktuelles aus den Centren

VII. Berliner Dialog in der Botschaft der Türkei

VII. Berliner Dialog

v.l.: Prof. Ince, Frau Bürhaniye, Frau Dr. Yürksel, Frau Karslioğlu, Frau Sen, Prof. Sehouli

Am 9. Juli 2014 fand der VII. Berliner Dialog, der von Professor Jalid Sehouli, Direktor der Klinik für Gynäkologie/ Charité/ Campus Virchow-Klinikum, initiiert wurde, in Zusammenarbeit mit der Türkischen Botschaft statt.

Erstmalig kooperierte der Berliner Dialog mit der renommierten Berliner Gesellschaft Türkischer Mediziner e.V., vertreten durch die Vorstandsvorsitzende Frau Dr. Emine Yüksel.

Der Berliner Dialog ist als eine gemeinsame Initiative zu verstehen, die verschiedene Völker und Gastländer in Berlin zusammenbringt. Auch bei dieser Veranstaltung lautet das Thema: Kultur trifft Wissenschaft.

Der VII. kulturpolitische Dialog erfolgte mit großer Unterstützung Seiner Exzellenz, des Türkischen Botschafters, Herrn Hüseyin Avni Karslıoğlu.

Die Gattin des Botschafters der Republik Türkei, Frau Gamze Karslıoğlu, eröffnete den besonderen Abend mit einem sehr persönlichen Grußwort. Sie berichtete über die „Wurzeln der türkischen Kultur in einem Land mit besonderen Reichtümern“ und begrüßte sehr herzlich die anwesenden Referentinnen, Referenten und Gäste.

Herr Prof. Dr. med. Hüseyin Ince, Vivantes Klinikum im Friedrichshain, Chefarzt der Kardiologie und Konservative Medizin, referierte in seinem wissenschaftlichen Beitrag über "Neue Therapie-Optionen bei kritisch eingeengter Aortenklappe und schwergradig undichter Mitralklappe". Herr Prof. Ince unterstrich, dass der demografische Wandel unsere Gesellschaft und unser Gesundheitssystem weiter entscheidend beeinflussen wird. Ein größerer Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung bedeutet neue Herausforderungen für alle sozialen Sicherungssysteme. Herr Prof. Ince stellte im Rahmen seines Vortrags innovative Lösungsmöglichkeiten mittels interventioneller Klappeneingriffe für ältere Hochrisikopatienten mit Aorten- und Mitralklappenerkrankungen vor, die für eine offene chirurgische Maßnahme nicht mehr in Frage kommen. Anhand sehr beeindruckender Beispiele wurde der Klappeneingriff dem Auditorium in verständlicher Form erklärt.

Frau Dr. med. Emine Yüksel, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe/ Berlin, präsentierte ihre statistischen Ergebnisse aus der Studie  "Verhütungsverhalten und Eheschließungsmuster türkischer Frauen in der Migration“. Die Studie ergab, dass Frauen mit höherem Schulabschluss signifikant seltener eine Verwandtenehe eingehen, als Frauen mit niedrigem Abschluss. Die regionale Zugehörigkeit, wie auch die Volksgruppenzugehörigkeit, übt bei der Frau einen starken Einfluss auf die Häufigkeit aus, eine Verwandtenehe einzugehen, ähnlich wie bei dem Mann. Bei Fragen zum Verhütungsverhalten stellte sich heraus, dass die kompetente Hauptansprechperson/Hauptinformationsquelle Ärztin/Arzt ist. Anders als bei deutschen Patientinnen bestehen bei türkischen Frauen Vorbehalte gegenüber hierzulande häufig angewandten Methoden der Kontrazeption: eine sachlich einfühlsame Aufklärung ist daher besonders wichtig. Vor allem über die Information zur postcoitalen Kontrazeption. Frau Dr. Yüksel kam zu dem Ergebnis, dass, hinsichtlich der Betreuung türkischer Patientinnen, es für die Ärztin/ Arzt wichtig ist, die gesellschaftlich und kulturell bedingten Besonderheiten im Umkreis der Patientin zu kennen, um so unerwünschte Ergebnisse zu vermeiden und die ITR-Rate zu senken. Ein wichtiger Hinweis noch zum Schluss: Mangelnde Sprachkenntnis und niedrige Schulbildung erschweren den Zugang zur muslimischen Patientin.

Den kulturellen Brückenschlag schaffte Frau Inci Bürhaniye mit der Vorstellung Ihrer  „Türkischen Gegenwartsliteratur auf Deutsch – im Binooki Verlag“. Frau Bürhaniye ist Rechtsanwältin und Binooki-Verlegerin. Sie stellte die Entstehung der Verlagsgeschichte von „binooki“ vor und gab einen Einblick in die Entwicklung der türkischen Literatur in Deutschland. Sehr anschaulich erzählte sie von der jungen Autoren-Generation in der Türkei und davon, welche bedeutende Rolle die türkische Literatur für das Bild der Türkei in der deutschen Gesellschaft einnimmt. Frau Bürhaniye beendete ihren Beitrag mit Worten von Oguz Atay, einem der bedeutendsten türkischen Autoren der Türkei, aus seinem Band „Warten auf die Angst“: „Aber trotzdem möchte ich diesem Menschen schreiben, immer für ihn schreiben, ihm unaufhörlich erzählen, ihm mitteilen, wo ich bin. Ich bin hier, mein lieber Leser, und wo bist du?“ Dieser Band war die Erstausgabe des „binooki“ Verlags.

Herr Prof. Dr. med. Malek Bajbouj, Direktor des Centrums für affektive Neurowissenschaften (Charité und Freie Universität Berlin) griff den wissenschaftlichen Part mit seinem Referat über die „Psychische Gesundheit - eine globale Herausforderung“ wieder auf. Nach seiner Erkenntnis „Stellen mentale Erkrankungen weltweit ein herausragendes gesundheitsökonomisches, medizinisches und gesellschaftliches Problem dar und sie sind eine der häufigsten Krankheitsursache für verlorene Lebensjahre. Sie gehören zu den führenden Todesursachen bei jungen Menschen und verschlechtern dramatisch die Prognose für Herzkreislauferkrankungen“. In wieweit unsere modernen Lebenswelten für die Zunahme psychiatrischer Erkrankungen verantwortlich sind oder ob der wirtschaftliche Aufschwung in bestimmten Regionen der Welt mit einer Entstigmatisierung einhergeht, das wird laut Herrn Prof. Bajbouj gegenwärtig breit diskutiert und war ebenfalls Inhalt seines Vortrages. Darüber hinaus wies er in diesem Kontext auf Unterschiede und Gemeinsamkeit von psychischen Erkrankungen in unterschiedlichen Kulturkreisen hin. Nicht zuletzt gab Herr Prof. Bajbouj einen kleinen Einblick in die aktuelle neurowissenschaftliche Forschung, in der der Einfluss von Umgebungsfaktoren und Kultur auf Funktion und Struktur des Gehirns untersucht wird.

Herr Prof. Sehouli, seit Jahren spezialisiert auf Krebserkrankungen der Frau (z.B. Eierstock- oder Gebärmutterkrebs), stellte mit seinem Beitrag „Fasten und Gesundheit – ist das miteinander vereinbar?“ Überlegungen zur gesundheitlichen Wirkung des Fastens vor. Er bezog sich auf die großen Kulturen und Religionen der Welt, in denen traditionelle und ganzheitliche medizinische Lehren und Heilkunden nebeneinander bestanden, die über viele Jahrhunderte bis zum Aufstieg der technischen modernen Medizin die Basis der medizinischen Behandlung bildeten. Diese traditionellen Therapien - dazu gehört auch das Heilfasten - zeigen in vorklinischen Studien verschiedene Wirkungen auf Krebszellen und allgemeinen Stoffwechsel. Dennoch fehlen noch überzeugende klinische Studien, daher wurde eine Studie mit Prof. Dr. Michalsen an der Frauenklinik der Charité am Campus Virchow-Klinikum initiiert, die den Einfluss der Chemotherapie auf die hämatologischen (z.B. Blutarmut) und nicht-hämatologischen (z.B. Übelkeit) Nebenwirkungen bei Frauen mit Eierstock- oder Brustkrebs untersucht.

Anschließend beendete Herr Prof. Sehouli den offiziellen Teil des Abends mit dem Hinweis auf die Einladung des türkischen Botschafters an alle Gäste zum gemeinsamen Fastenbrechen. Nach einem eindrucksvollen Gebet des anwesenden Imam zum Ende dieses Ramadan-Tages fand der VII. Berliner Dialog in entspannter Atmosphäre, bei interessanten Gesprächen und türkischen Köstlichkeiten mit einem großen Dank an die Gattin des Botschafters seinen Ausklang.

Der nächste Berliner Dialog findet im Rahmen des ersten Deutsch Arabischen Krebskongresses Berlin, 24. - 26. Oktober 2014 (DAKK) statt. 

Kontakt:

Prof. Dr. med. Jalid Sehouli

Prof. Dr. med. Jalid Sehouli

Direktor der Klinik Standorte CVK (Wedding) und CBF (Steglitz)

CharitéUniversitätsmedizin Berlin

CharitéCentrum Frauen-, Kinder- & Jugendmedizin mit Perinatalzentrum & Humangenetik CC 17

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f: +49 30 450 564 900

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