17.11.2014 - Aktuelles aus den Centren

VIII. Berliner Dialog in der Botschaft Königreich Saudi-Arabien

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Am 26.10 2014 fand der VIII. Berliner Dialog, der von Professor Jalid Sehouli, Direktor der Klinik für Gynäkologie/ Charité/ Campus Virchow-Klinikum, initiiert wurde, in Zusammenarbeit mit dem 1. Deutsch Arabischen Krebskongress in der saudi-arabischen Botschaft statt.

Der Berliner Dialog ist als eine gemeinsame Initiative zu verstehen, die verschiedene Völker und Gastländer in Berlin zusammenbringt. Nach einer herzlichen Begrüßung durch den Botschafter, S. E. Prof. Dr. med. Ossama bin Abdul Majed Shobokshi, übernahm Herr Prof. Sehouli, Initiator der Veranstaltungsreiher und  Direktor der Klinik für Gynäkologie an der Charité/Campus Virchow-Klinikum und Benjamin Franklin, den wissenschaftlichen Part zu dem Thema „Arzt-Patienten-Kommunikation im interkulturellen Kontext“. „Das Arzt-Patienten-Gespräch ist entscheidend für das Vertrauensverhältnis“, so Prof. Sehouli.

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„Darüber hinaus nehmen Patientinnen in einem Gespräch über schlechte Nachrichten zu Diagnose oder Krankheitsbefunden nur begrenzt Informationen auf. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass alle Sinne (Hören, Riechen, Schmecken, Tasten) bei Angst deutlich eingeschränkt sind. Daher sind dosierte Aufklärungen mit Pausen wichtig für die Patientinnen. Die Charité und die Berliner Ärztekammer widmen sich seit Jahren der Aus- und Weiterbildung auf dem Gebiet der Arzt-Patienten-Kommunikation.“ 

Anschließend referierte Herr Univ. Prof. Dr. med. Abdulgabar Salama, Ärztlicher Zentrumsdirektor am Zentrum für Transfusionsmedizin und Zelltherapie, gemeinnützige GmbH/ Campus Virchow-Klinikum/ Berlin, über „Neueste Aspekte zu den Ursachen und Therapien der Anämie (Blutarmut)“, welche durch Mangel an Blutfarbstoff (Hämoglobin bzw. rote Blutkörperchen (Erythozyten)) allgemein bekannt ist. Die Anämie ist die am häufigsten und am schnellsten diagnostizierte Auffälligkeit in der klinischen Medizin, denn eine Blutbilduntersuchung ist sehr schnell durchführbar, kostengünstig, aussagekräftig und wird automatisch in der Regel an erster Stelle veranlasst.

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Herr Prof. Salama: „Die Symptome der Anämie sind variabel und hängen von der Ursache, Entwicklung, Begleiterkrankungen und Stärke der dadurch verursachten Hypoxie (verminderte Sauerstoffversorgung des Gewebes) ab. Zu den Hauptsymptomen gehören Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Minderung der Leistung, Konzentrationsschwäche, Tachykardie, Atemnot bei Belastung, Ohrensausen, Herzschmerzen und je nach Ursache, z. B. bei einer Hämolyse (Erythrozytenzerfall) Bauchschmerzen.

Die roten Blutkörperchen sind kleine, mit bloßem Auge nicht sichtbare bikonkave und extrem verformbare kernlose Zellen. Sie haben einen Durchmesser von ca. 7,5 – 8 µm, eine Oberfläche von 136 µm2, eine Dicke von 1,7 µm und ein Volumen von ca. 90 cl. Diese Micro-Maße sind verhältnismäßig gewaltig, wenn die gesamte Zellzahl von einem erwachsenen Menschen in Betracht gezogen wird (4,5 – 5x106x103x103x6).  Die roten Blutkörperchen werden, wie alle anderen Blutzellen, im Knochenmark gebildet. Die derzeit akzeptierte Vorstellung der Blutbildung geht von einer Stammzelle mit Differenzierungsmöglichkeiten in verschiedene Zelllinien aus. Die Regulation der Blutbildung ist teilweise genetisch veranlagt und richtet sich nach den Körperbedürfnissen, die durch endogene und exogene Faktoren beeinflusst werden. Die genauen Mechanismen sind jedoch bei weitem nicht bekannt und werden möglicherweise nie komplett geklärt. Das Programm der Blutbildung und die Funktionalität der einzelnen Zellen ist ein Ozean von Wundern. Es ist auch ein Wunder, wie die Blutzellen vom Knochenumhüllten Bildungsstätten (Knochenmark ins Blut) ausgeschwemmt werden. Es werden täglich 3x109/Zellenkg/Körpergewicht neu gebildet und physiologisch gleichermaßen abgebaut. Diese Erneuerung hat einen großen positiven Effekt auf die Blutviskosität und Rheologie. In der Tat profitieren Dauerblutspender von diesem Prozess. Nachweislich bekommen sie weniger kardiovaskuläre Erkrankungen als andere Menschen. Wir haben in Berlin festgestellt, dass die Blutspende einen positiven Effekt auf den Blutdruck hat. Diese Erkenntnisse haben eine große klinische, soziale und wirtschaftliche Bedeutung.

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Die Bildung der roten Blutkörperchen hängt von der Sauerstoffversorgung des Organismus ab und kann z. B. durch Blutverlust massiv gesteigert werden. Sie wird auch von Erythropoietin, welches in der Niere in Abhängigkeit von der Sauerstoffversorgung produziert wird, stimuliert. Der erste Hinweis auf eine Steigerung der Erythrozytenbildung durch Hypoxämie geht auf eine Beobachtung beim Aufenthalt auf hohen Bergen im Jahre 1890 zurück. Ca. 100 Jahre später (1977) gelang es, Erythropoietin zu isolieren und zu klonieren. Seither werden genetisch hergestellte Erythropoietin-Produkte für therapeutische Zwecke eingesetzt. Inzwischen werden auch Erythropoietin-Biosimilar hergestellt und verwendet. Die Indikation zur Behandlung mit Erythropoietin ist bei renaler Anämie, Patienten mit Anämie durch Bildungsstörung, bei bestimmten Patienten bei Blutverlust, aber auch bei anderen Erkrankungen mit Anämie gegeben. Wir haben festgestellt, dass Erythropoietin auch einen positiven Effekt auf den Verlauf von Autoimmunhämolyse hat. Außerdem haben wir gezeigt, dass Erythropoietin bei der Behandlung der Hämochromatose eingesetzt werden kann. In Kombination mit Erythrozytapherese kann Ferritin bei den betroffenen Patienten sehr schnell normalisiert werden.

Die ausgeschwemmten Erythrozyten in der Zirkulation leben 100 – 140 Tage und ihre Kreisstrecke beträgt ca. 250 km. Neben der normalen Alterung können pathologische Prozesse zur Schädigung und zu einem vorzeitigen Abbau der Zellen führen. Hierzu gehören immunologische und nicht immunologische bedingte Prozesse, aber auch angeborene Defekte der Erythrozytenmembran (wie Kugelzellanämie), des Erythrozytenfarbstoffes (wie Sichelzellanämie) oder des Fettstoffwechsel (Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel). Es ist allgemein bekannt, dass die Haupt- und wichtigste Funktion der Erythrozyten die Versorgung des Gewebes bzw. aller Körperzellen mit Sauerstoff ist. Der bei einer Anämie entstandene Sauerstoffmangel wird durch eine Reihe von Mechanismen je nach Ursache und Akuität teilweise oder vollständig kompensiert. Hierzu zählen: Steigerung der Herzfrequenz, des Herzzeitvolumens, Optimierung der Transportkapazität und bei Lebensgefahr das sogenannte Redistribution (Einschränkung der Versorgung mit Sauerstoff auf Vitalorgane). Die letztgenannte Maßnahme ist auch das Ziel bei der Schlachtung von Tieren der jüdischen und moslemischen Vorschriften. Hierdurch werden die Tiere schmerzlos entblutet.

Unter physiologischen Bedingungen werden 1.000 ml Sauerstoff/Minute ins Gewebe transportiert. Der Bedarf liegt jedoch bei 200 – 300 ml/min. Somit kann ein gesunder Mensch den Verlust von 1/3 seines Blutes ohne Nachteile kompensieren. Die Grenze zur Entstehung einer anämischen Hypoxie liegt bei einem gesunden Menschen bei Hb-Werten von ca. 6g/dl bei akutem Blutverlust und tiefer bei chronischer Anämie.

Obwohl viele Anämieformen gut charakterisiert und behandelbar sind, wie Eisenmangelanämie (die häufigste Form), Megaloblastäre Anämie durch Vitamin B12- oder Folsäuremangel, ist unser Wissen bisher begrenzt und wir können gelegentlich durch Fehldiagnosen in adäquate Behandlung oder Therapiekomplikationen Patienten schaden oder gar verlieren, z. B. Patienten mit therapierefraktärer aplastischer Anämie, Sichelzellanämie oder schwerwiegende Autoimmunhämolytische Anämie. Wir müssen umdenken und neue Therapiestrategien entwickeln mit dem Ziel, das Immunsystem bei einer Entgleisung nicht stark „zu bestrafen“. 

Nach diesem sehr eindrucksvollen Beitrag von Prof. Salama schaffte Frau Dr. Souad Bensalah-Mekkes mit ihrem Thema "Kulturelles Erbe und sprachliche Vielfalt am Beispiel Marokkos" den kulturellen Bogen in die Vielfalt der Sprache. Frau Dr. Bensalah-Mekkes ist Sprach-und Literaturwissenschaftlerin und Dozentin am Zentrum für Sprachen- und Schlüsselkompetenzen der Universität Potsdam. Ihr Vortrag gewährte den Teilnehmenden einen Einblick in die vielfältigen Dialektarten am Beispiel der Bevölkerung Marokkos.

Dort lebende Araber, zahlreiche Berberstämme und marokkanische Juden prägen die damit verbundene Sprachenvielfalt und kulturelle Diversität. In dem ersten Teil ihres Vortrages hatte Frau Dr. Bensalah-Mekkes die Frage „Welches ist die Umgangssprache in der arabischen Welt, das klassische Arabisch bzw. Hocharabisch oder der Dialekt?“ in folgender Weise beantwortet: „Das Hocharabisch ist die offizielle gemeinsame Sprache aller arabischen Länder, es ist vor allem aber auch die Schriftsprache der Presse und der Literatur, andererseits ist es auch eine mündliche Sprache in den Massenmedien, in offiziellen Kommunikationssituationen und wird auch zwischen Arabisch-Sprechenden, die nicht denselben Dialekt sprechen, gebraucht. Das dialektale Arabisch (al-ʿarbiya ad-dārija) ist ein Begriff, der die arabischen Dialekte umfasst. Diese Dialekte resultieren aus einer Mischung zwischen Arabisch und lokalen oder Nachbarschaftssprachen durch Arabisierung oder kultureller Einflüsse aufgrund von Kolonisierung, Migration, Handel und neuerdings auch aufgrund der Massenmedien.“ Auf die weitere Frage, warum z.B. Menschen aus Marokko sich nicht automatisch in arabischen Ländern verständigen können, antwortet Frau Bensalah-Mekkes:„Diese „Dialekte“ unterscheiden sich dermaßen, dass die Arabischsprechenden aus entfernten Regionen sich zunächst nicht verstehen. Denn, die erwähnten „Dialekte“ haben ebenfalls eine Grammatik, eine Syntax, einen Wortschatz und eine Aussprache, die sie dermaßen vom Hocharabisch unterscheiden, dass die Verständigung zwischen einer Person, die nur „Dialekt“ und einer anderen, die nur das Hocharabisch spricht, schwierig, wenn auch nicht unmöglich ist.“ Einzig die Dialekte, neben anderen nicht-arabischen Sprachen, werden für die Alltagskommunikation in den entsprechenden Ländern benutzt.

Das dialektale Arabisch ist so die Umgangssprache in den verschiedenen arabischen Ländern. Auf die eine oder andere Weise sind alle Dialekte aus dem Hocharabischen entstanden. Frau Dr. Bensalah-Mekkes kommt zu dem Schluss, „dass es für denjenigen, der Arabisch lernen will, sicherlich nützlicher ist, wenn er sich zunächst mit dem Hocharabischen beschäftigt, bevor er seine Aufmerksamkeit einem oder mehreren Dialekten widmet.“ Nach diesem spannenden Diskurs über die Dialektik der arabischen Sprache nahm Frau Dr. Bensalah-Mekkes die Teilnehmer mit auf die weitere Reise zu dem "Kulturellen Erbe, dem Reichtum und die sprachliche Vielfalt Marokkos". Ein virtuoser Beitrag über Dialektarten in der arabischen Sprache am Beispiel Marokkos.

Arabische Musikeinlagen rundeten den VIII. Berliner Dialog ab. Bei interessanten Gesprächen und arabischen Köstlichkeiten fand die interkulturelle Reise des  Berliner Dialogs mit einem großen Dank durch Prof. Sehouli an den Botschafter von Saudi-Arabien sowie an die hervorragenden Referenten, Frau Dr. Bensalah-Mekkes und Herrn Prof. Salama, seinen Ausklang.

Kontakt:

Prof. Dr. med. Jalid Sehouli

Prof. Dr. med. Jalid Sehouli

Direktor der Klinik Standorte CVK (Wedding) und CBF (Steglitz)

CharitéUniversitätsmedizin Berlin

CharitéCentrum Frauen-, Kinder- & Jugendmedizin mit Perinatalzentrum & Humangenetik CC 17

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